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19/01/2012 / Nikola Richter

Deutsche Jazzcharts 2011

Tja, die Village Voice hat mich bisher online nicht mit ihrer Critics’s Poll beglückt, aber da ich ein großer Fan von Listen bin, nehme ich nun einfach diese hier: die deutschen Jazzcharts 2011, aufgelistet bei Arte. Schön wäre, wenn man da auch was anhören könnte, aber verlinken macht ja meist so viel arebeit…. Die meisten Listenplätze kennen wir eh, die üblichen Softjazzverdächtigen, wie Till Brönner, Keith Jarrett oder der Smiley Roger Cicero. Schön ist natürlich, dass der Miles Davis-Klassiker Bitches Brew auftaucht, ich muss allerdings zugeben, dass der mir etwas zu langatmig ist. Und Geiger natürlich weit und breit abwesend. Im Gegensatz zu breiten Streicher-Arrangements. Die gehen natürlich immer, weil es so schön schnulzt. Etwa bei der Number One, Melody Gardot:

15/09/2011 / Nikola Richter

50 Alben von 2010

Ich warte gespannt auf den diesjährigen Jazz Critics’ Poll des Magazins Village Voice, bis dahin schauen wir auf den

von Zweitausendzehn.

Wäre vermessen, wenn ich behaupten würde, dass ich alle Alben oder Künstler kenne. Brad Mehldau sagt mir was und Regina Carter, die ich hier kurz vorgestellt habe, Dave Holland oder auch Keith Jarrett sind klingelnde Namen, ebenso Tomasz Stanko. Mir fällt natürlich die schöne Fast-Abwesenheit der Jazzgeige auf. Wir brauchen Jazzgeigen-Charts! Ich bitte um Vorschläge. Meiner (auch von 2010): Tobias Preisig “Flowing Mood” (Obliqsound).

14/09/2011 / Nikola Richter

Adam Baldych beim Jazzfest Berlin

Noch ein junger Jazzgeiger, aber diesmal ein polnischer, Jahrgang 1986, auch in New York lebend, wie Scott Tixier. Sicher kennen sich die beiden. Adam Baldych, dessen Spitzname auch “Evil” ist, spielt am 3. Oktober 2011 um 22.30 Uhr im Quasimodo mit seinem Quintet feat. Dana Hawkins, im Rahmen des des diesjährigen Jazzfest Berlin. Hier ein Link zu seiner Webseite, die leider nicht mit dem aktuellsten Firefox zu öffnen ist. Habe mich durch seine Youtubevideos geklickt und kann nur rufen: Stop the return of the electrical violin! Aber gut, jedem das seine.

Am schrägsten ist dieses Übevideo von Adam Baldych, jajaja, ja-ja-ja-, sagt die Geige mit ganz verzärrtär Stimmä.

14/09/2011 / Nikola Richter

Scott Tixier

String Theory Recording heißt das letzte Albumprojekt des sehr jungen französischen Jazzgeigers Scott Tixier, der 1986 in Montreuil geboren wurde und derzeit an der Brooklyn Music School in New York unterrichtet. Auf seiner Webseite läuft eine Playlist, die einen guten und recht umfassenden Eindruck in seine Arbeit gibt. Er spielt schnell, wenig melodiös, eher freie Skalen, Triller, in einer gleichbleibenden Lautstärke, sehr virtuos. Mein Fall ist es weniger, mir fehlt da ein wenig der Zusammenhalt der Improvisation. Kann aber auch sein, dass mein Jazz-Ohr noch nicht so weit ist. In dem Video, einem Mitschnitt aus Nimes von 2007, bei dem ihm sein Bruder Tony begleitet, gibt er richtig Tempo, sein Bogen verliert Haare, die Band wippt und wippt, damit sie den Grundbeat nicht verliert. (Mich erinnert solch eine Spieltechnik, die keine Angst vor dem Haarausfall hat, immer an Gidon Kremer, den ich einmal im Maison de Radio France in Paris ein sehr modernes Stück auf seiner Geige bearbeiten sah, ich dachte, er will sein Instrument zersägen. Am Ende war sein Bogen sehr dünn behaart. Dass er auch ganz anders kann, sieht man hier:

16/08/2011 / Nikola Richter

Eight String Tschaba

Ich hab mal wieder beim Herumsurfen nach einem Standard, den ich jetzt spielen will (“My Little Suede Shoes”) einen Jazzgeiger entdeckt, einen Ungarn, Deseő Csaba, oben zu sehen in einem hübschen Schwarz-Weiß-Mitschnitt des Klassikers “Keep cool” und danach noch einer, “Honeysuckle Rose”. Mir gefiel sein federleichter, schwingender Strich auf Anhieb. Wie wenn der Bogen ganz locker gespannt wäre und ohne Druck über die Saiten streichelt. Sehr weich, sehr tänzerisch-schwebend und doch sehr präzise. Und dazu sieht er immer aus wie ein Gentleman, der dich an der Bar zu einem lässigen Drink einlädt, einfach so, um ein Lächeln zu bekommen, weil das neben seinem weißen Sakko und seinen vollen schlohweißen Haaren einfach nicht fehlen darf.

Er wurde 1939 in Budapest geboren, Kind einer Geigenlehrerin und erstmal klassischer Musiker im Ungarischen Nationalorchester (bei Jazzgeigern fast schon Standard). Seine Karriere begann 1966 im legendären Budapester Jazzclub “Dalia” (Wikipedia), er spielte in Ungarn, Jugoslawien, Tschechoslowakei, Polen und Deutschland. Bisher hat er zehn Alben veröffentlicht, sein erstes “Four String Tschaba”, natürlich eine Anspielung auf den ersten Jazzgeiger “Four String Joe” Venuti, erschien 1975 in Deutschland, darauf spielte er Geige und Bratsche – also eigentlich müsste er sich “Eight String Tschaba” nennen.

Und zum Schluss in guter verzerrter Seventies-Tradition (siehe Jean-Luc Ponty) die kitschige, mit Synthesizerhintergrund eingeschmierte Version von “Sunny”. Eher schlimm, oder?

10/07/2011 / Nikola Richter

Ich werde mich organisieren

Me voy a organizar von der kubanischen Gruppe Traza, aufgezeichnet in Havanna 2003.

Und unten noch eine schnellere Nummer. Über die Band findet man kaum was im Netz, nur diese drei Videos. Ich würde gerne wissen, ob sie auch außerhalb von Kuba spielen, ob sie noch existieren, ob die Musiker jetzt in anderen Gruppen aktiv sind. Ich würde es mir wünschen. Meldet euch! Donde están, musicos cubanos de la banda Traza? Escriben me! Im U-Bahnhof Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg spielte neulich ein unglaublich guter Jazz-Cellist, der auch Kubaner sein könnte. Wenn ich ihn nochmal höre/sehe, frage ich ihn.

17/04/2011 / Nikola Richter

Der Mann mit der blauen Geige

Er macht aus dem oft sehr grellen Saitensound eine glatte Synthieperfektion, die stark an die Sphärenmusik von Pink Floyd erinnert: Jean-Luc Ponty (offizielle Webseite), französischer Musiker, der lange Zeit parallel in Pariser Sinfonieorchestern spielte und nachts bis in die Morgenstunden als Klarinettist und Jazzgeiger in Jazzclubs jammte, veröffentlichte sein erstes Jazzalbum “Jazz Long Playing” 1964 mit 22 Jahren. Sein zweites wurde gleich zu einem Gipfeltreffen berühmter Kollegen: “Violin Summit” (1966), mit Svend Asmussen, Stéphane Grappelli und Stuff Smith. Die erste Phase ist geprägt vom Bebop Charlie Parkers oder John Coltranes, was ihm den Spitznamen “Coltrane der Geige” einbrachte. Er entwickelte sich recht schnell zu einem Vertreter des Jazz-Rock, arbeitet heute viel mit afrikanischen Musikern zusammen und beschäftigt sich mit nicht-europäischen Musiktraditionen. Auf dem Bild ist er der junge Kerl, der ein bisschen wie Cat Stevens aussieht:

Die vielen Youtubevideos, die ich mir gerade von ihm angeschaut habe, zeigen ihn extrem gelassen, selbst auf großen Bühnen mit Elton John oder Zappa, der ihm die Musik für sein erstes Solo-Album “King Kong” komponierte und ihn überzeugte, nach Los Angeles zu ziehen. Sein Markenzeichen, die blaue E-Geige, verwandelt sich zeitweise in eine elektrische Orgel bei den Arpeggien, in eine E-Gitarre bei schnelleren Soli. Die langen liegenden Töne, die ich bisher noch bei keinem Jazzgeiger so extensiv bemerkt habe – die meisten umspielen die tragende Phrase rasant und rhythmisieren Melodien durch Pausen – könnte von einem Saxophon stammen. Tricks: Kein Vibrato und elektrische Verstärkung, so dass kein Druck auf die Saiten nötig ist. Damit wird jeder Ton gleichmäßig volltönend und das typisch Kratzige der Bogenbewegung fällt weg.

17/04/2011 / Nikola Richter

Verteidigung

“Die Geige war neben dem Banjo eines der ersten Instrumente im Jazz.” Denn sie klänge wie die menschliche Stimme. Kleine TV-Einführung in die Jazzgeige von John Blake, leider scheppert das Mikro etwas.

02/02/2011 / Nikola Richter

Stimmung

Bruce Nauman spielt in diesem Ausschnitt aus “Violin tuned D.E.A.D.” von 1968 die vier Saiten der Geige, immer wieder, brutal, indem er mit dem Bogen viel Druck ausübt und alle gleichzeitig erwischt. Er hat ihre Stimmung verändert: von G D A E zu D E A D. Der amerikanische Performance- und Videokünstler hat immer wieder mit der Violine und ihrem Klang gespielt. In einem früheren Film “Playing A Note on the Violin While I Walk Around the Studio” erzeugte er nur einen einzigen Ton, währenddessen er in seinem Studio herumspazierte. Das klassische Instrument wird nicht zweckentfremdet – denn es bleibt ja Instrument – aber seine Funktion und sein Bezug zum Geigespielenden ist nicht mehr deutlich: Wird hier das Üben zititert oder parodiert? Soll der Raum durch Klang und Bewegung vermessen werden? Warum ist die Kamera gekippt – damit die unnatürliche Haltung auffällt, die für das Violinespielen notwendig ist? Ein Körper, der von einem Instrument abgerichtet wird?

1985 zeichnete er verschiedene Geigen und untertitelte sie mit “VIOLENCE”, einer seiner verschiedenen “Violin Films” heißt “Playing The Violin As Fast As I Can” – beide Werke sind in New York im MOMA zu sehen, hören, wenn sie nicht gerade im Archiv liegen sollten. Ich war leider noch nicht dort.

10/01/2011 / Nikola Richter

Klassenfragen

Ein Erstleser meines Blogs, der selbst das Blog Achtmilliarden betreibt und sich vorgenommen hat, in diesem Jahr mehr Jazz zu hören, wunderte sich, dass die Geige als eher klassenspezifisches Instrument überhaupt Eingang in den Jazz gefunden hat. Und fragt sich, bzw. mich, wieviele schwarze Geiger es wohl gibt. Ich muss zugeben, dass auch ich erst am Anfang meiner Recherchen stehe, aber ich kann ein paar Namen nennen: mit Papa John Creach einen Vertreter der Bluesgeige, mit Regina Carter eine moderne Jazzgeige.

John Creach (1917-1994) lernte erst mit 15 Jahren das Instrument und unterlief, wie so viele Jazzgeiger, eine klassische Ausbildung, bevor er sich den freieren Formen zuwandte. Aber er scheint ein Multitalent gewesen zu sein, beherrschte auch Kirchenmusik-Stile und Rockgeige. In dieser Version von “Over the Rainbow”, dem Klassiker der 1930er Jahre aus “The Wizard of Oz”, ist sein bluesiger Stil besonders deutlich, die geschmierten Noten, die nur kurz den Ton andeuten und von oben oder unten herangleiten, sowie die Atempausen, wie wenn das Instrument kurz seufzen wollte, weil es ja, sooooo blue ist.

Titelsong seines Albums “Playing my fiddle for you”, 1974, ebenfalls sehr bluesig.

Und hier nochmal was mit Rock-Geschrabbel und Tempo.

Regina Carter (geb. 1966) lernte klassische Violine an der Universität, weil ihre Eltern glaubten, dass sie als klassische Geigerin ein gutes Einkommen haben würde. Regina trieb sich aber lieber nachts in Jazzclubs herum, setzte sich hinter die Brass Section und versuchte, einen Klang zu entwickeln, der dem der Blechbläser nahe kam: rauchig, eher dunkel, atmend. In ihrer aktuellen CD “Reverse Threat” verarbeitet sie afrikanische Folkelemente, unterstützt von einer Kora, der afrikanischen Harfe, und einem Akkordeon. Hier ist ein Radiointerview mit ihr, samt Hörbeispielen, ein Stück beispielsweise heißt “God creates, then he destroys”. Dieser alttestamentarische Gott tanzt eine Art irischen Tanz. Warum sie in diesem Album so wenig von ihrer Virtuosität zeigt, verstehe ich nicht. Im “Tiny Desk Concert” für NPR Radio ist die gesamte Band zu sehen und zu hören, der Harfist brilliert, sie klebt an den Melodien und begleitet fast schon schüchtern.

Ich finde diese Aufnahmen zu simplistisch, wie ein Amélie-Soundtrack, bloß anders instrumentiert. Regina Carter kann viel mehr, als nur freundlich die Melodie zu begleiten. Das hört man hier. Eieriges Vibrato, dunkle bratschenartige Töne. Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann mehr aus dieser Klasse.

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